Mit einer Geschichte über Liebe in Zeiten der Pandemie hat uns Juna Klaiss, die Gewinnerin des letzten #Wortwechsel Literaturwettbewerbs, beeindruckt. Das ist ihre Geschichte.

Mit unserem Kurzgeschichtenwettbewerb Wortwechsel begeben wir vom novum Verlag uns zwei Mal im Jahr auf die Suche nach begnadeten Neu- und Nachwuchsautoren. Dazu geben wir jeweils ein Wort vor, das als Titel oder Inspirationsgeber einer mindestens 6.500 Zeichen umfassenden Kurzgeschichte dienen soll. Die besten Geschichten werden nicht nur hier auf unserem Blog, sondern auch in der novum Anthologie, an der Jahr für Jahr zahlreiche Autoren mitwirken, veröffentlicht. Die Vielfalt an Beiträgen erzeugt ein Vibrato unterschiedlichster Stimmungen, das auch nach dem Lesen noch lange nachwirkt. Die Gewinnerin unseres letzten Wortwechsels hat das Gefühlsspektrum unseres kürzlich erschienenen Sammelbandes novum #9 mit einem brandaktuellen Beitrag erweitert. Juna Klaiss erzählt von Lieben in Zeiten der Pandemie und davon, wie sich am Ende doch das Gute durchsetzt. Mit ihrer Kurzgeschichte ist der Gastautorin das große Kunststück gelungen, unserem Impulstitel „Quarantäne“ eine hoffnungsfrohe Geschichte zu entlocken.

Quarantäne oder: die Entführung“, von Juna Klaiss

Er sitzt auf dem wackeligen Bänkchen am Zaun, ein rot-weiß gestreiftes Absperrband flattert im Wind. Wie ein Schuljunge, der auf den Bus wartet, blickt er sich immer wieder um. Sein Fahrradhelm ist verrutscht, in der rechten Hand hält er eine Plastiktüte, in der linken einen langen Regenschirm. Das Rad hat er an die Hecke gelehnt. Da endlich öffnet sich die Terrassentür. Schnell noch setzt er seinen Fahrradhelm ab, legt ihn unter die Bank und ordnet mit den Fingern seine Haare.

„Ich nehme sie mit“, schießt es ihm durch den Kopf, als sie zu ihm gefahren wird, „wenn keiner schaut, schnappe ich sie mir, hebe sie über den Zaun, sie hüpft auf die Radstange und wir verschwinden.“ Es mag eine vernünftige Entscheidung gewesen sein, dass sich jetzt andere um sie kümmern. Hätte er die verdammte Pandemie kommen sehen und geahnt, dass die Alten wie Kaninchen in ihren Boxen festgehalten werden, hätte er es niemals zugelassen. Die Bude wäre dreckig und die Wäsche muffelig, aber sie würden gemeinsam am Tisch oder auf dem Sofa vor dem Fernseher sitzen, gemeinsam unter einem Dach leben. Sie wären zusammen, alles andere spielt doch keine Rolle, vor allem nicht in Zeiten wie diesen. Er hasste es, allein einzuschlafen, allein aufzuwachen, allein Freude am Leben zu empfinden. Gerade heute zum Mittagessen bereitete er sich einen Feldsalat zu. So wie sie ihn immer machte, mit fein geschnittenen Orangenscheibchen, Walnüssen und Preiselbeeren, einem Schuss Balsamico, Olivenöl und einer Prise Salz. Er deckte den Tisch, nicht den Couchtisch, sondern den Esstisch. Tiefer Teller, Messer, Gabel und ein Glas Apfelsaftschorle platzierte er dort ordentlich, stellte die Schüssel ab, schnitt in der Küche einige Scheiben Baguette ab und brachte auch diese auf einem separaten Teller zum Tisch, setzte sich und wollte essen. Doch es war wie immer, am Tisch verging ihm der Appetit. Er schaute auf die Uhr, die 12 Uhr 15 zeigte. Auch sie saß jetzt beim Mittagessen. Tränen schossen ihm in die Augen bei dem Gedanken daran, dass sie jetzt bei ihm säße, wäre er nur nicht so dumm gewesen. Er ließ traurig den Kopf auf den Tisch sinken und fing an zu schluchzen, alles brach aus ihm heraus.

Seit drei Wochen bringt er ihr dienstags neue Kleidung, hängt dazu die Henkel der vollen Plastiktüte an den Griff des Regenschirms und reicht ihn über den Zaun, wo sie die Plastiktüte in Empfang nimmt. Näher darf er nicht kommen. Niemand darf rein, niemand darf raus. Das Haus steht unter Quarantäne und die Besucher tummeln sich wie er am Zaun und stehen Schlange, um auf dem Bänkchen Platz nehmen zu dürfen, damit sie ihre Eingesperrten wenigstens von Weitem sehen. Bewohner aus der Reihenhaussiedlung gegenüber haben die Bank aufgestellt. Aus Mitleid und weil sie sich beim Bau- markt eine neue gekauft haben. „Hallo mein Herz“, begrüßt er sie und wartet, bis die Pflegerin um die Ecke gebogen ist, lehnt sich dicht an den Zaun und flüstert ihr zu, dass sie es gerade noch verstehen kann, „soll ich dich entführen?“ Sie lacht und winkt ab. Doch dann hält sie plötzlich inne, kneift die Augen zusammen und schaut ihn ernst an. Sie nickt leicht und fast heimlich, deutet mit den Händen an, dass sie ihm etwas auf- schreiben will. Erschrocken durchwühlt er seine Jackentaschen und findet einen alten Briefumschlag und einen winzigen Bleistift. „Hast du heute etwas gegessen?“, fragt sie ihn in einem gespielt besorgten Tonfall, zwinkert übertrieben mit dem rechten Auge und hebt erwartungsvoll die Augenbrauen an. Er versteht das Spiel und beginnt, ausschweifend von seinem traurigen Mittagessen zu erzählen, wie er den Feldsalat mühevoll Blatt für Blatt wusch und sich fast in den Finger schnitt, als er die Orange filetieren wollte, um am Ende dann doch nichts davon zu essen. Während er das erzählt, steckt er den Briefumschlag und den Stiftstummel in die Plastiktasche, stülpt sie über den Schirm und schiebt ihn zu ihr auf die andere Seite des Zauns. Sie nimmt schnell die Tasche entgegen und wirbelt mit den Händen in der Luft herum, um ihm zu deuten, dass er weitererzählen soll. Er schildert genau, wie er den Tisch gedeckt hat und wie traurig er es findet, allein zu sein. Sie schreibt mühevoll mit dem kleinen Stift die Rückseite des Umschlags voll, beeilt sich, ihn zu falten. Schnell holt sie ihre frische Wäsche aus der Tüte, legt sie sich auf den Schoß und gibt dann den Umschlag hinein. Sie stülpt die Tüte über den Schirm und schiebt ihn zurück auf seine Seite. Genau in dem Moment beginnt es zu tröpfeln, die Terrassentür wird mit einem Ruck geöffnet und die Pflegerin kommt, um sie zu holen. Durch ihren Mundschutz schimpft sie, dass dieses Getausche der Plastiktüte absolut gegen die Hygieneregeln sei, sie das nur noch dieses eine Mal durchgehen ließe, aber „ab morgen bekommt Frau Kern Kleidung aus dem Zentrum. Niemand und nichts darf hier rein und raus, das wissen Sie doch, Herr Kern!“, sagt sie bestimmt und schiebt sie schnell in Richtung Terrassentür, weil der Regen stärker wird. „Tschüss, bis morgen“, ruft er ihr noch zu. Sie winkt.

Mit pochendem Herzen verstaut er die Tüte auf dem Gepäckträger, fühlt noch einmal nach, ob der Briefumschlag darin liegt, nimmt ihn vorsichtshalber zu sich in die Innentasche seiner Jacke, damit er auf keinen Fall verloren geht oder durchnässt wird. Er radelt so schnell wie schon lange nicht mehr, nimmt eine Abkürzung über die Wiese, der Regen peitscht ihm ins Gesicht, seine Hände frieren. Zu Hause setzt er sich nass wie ein Pudel an den Tisch. Er hat seine matschigen Schuhe noch an, vom Fahrradhelm tropft es ihm auf die Hose und die Ärmel der Jacke hinterlassen nasse Stellen auf der Tischdecke. Er wischt sich die eiskalten und feuchten Finger an der Hose ab, greift vorsichtig in die Innentasche und holt den Briefumschlag heraus.

„APRIL, APRIL UND REINGEFALLEN! Frau Neissel mit den zwei Zimmern ist heute gestorben. Du musst sofort im Heim anrufen und sagen, dass wir die Zimmer haben möchten! Dann kommst du auch hier rein und wir können wieder zusammen sein. Sie warten auf deinen Anruf.“


Eine Ihrer Kurzgeschichten wartet noch auf ihre Veröffentlichung? Sie wollen Ihr Talent unter Beweis stellen? Alle Infos und Möglichkeiten, um Ihren eigenen Text noch bis 28. Februar 2021 für unsere Sommeranthologie novum #10 einzureichen, finden Sie hier.

Lassen Sie Ihrer Tastatur freien Lauf,

Ihr novum Verlag


Die ganze Variationsbreite gefühlvoller Kurzgeschichten finden Sie in unserer neuen Anthologie novum #9. Einen ersten Einblick in unsere facettenreiche Neuerscheinung nehmen Sie hier:

Titel: „novum #9 Volume 1“ & „novum #9 Volume 2“
Herausgeber: Wolfgang Bader
Inhalt: Geschichten, die das Leben schreibt: lustig, traurig, fantastisch und realistisch – als kleine Erzählung oder in Gedichtform. So hält dieses kurzweilige Büchlein für jeden etwas bereit und eignet auch als kleine Lektüre für zwischendurch.
Seitenanzahl: 458 (Volume 1) & 422 (Volume 2)
ISBN: 978-3-99107-559-2 (Volume 1) & 978-3-99107-560-8 (Volume 2)
Preis: € 19,90

Die novum #9 Anthologie besteht aus zwei Teilen. Hier geht es zur Buchbestellung von Volume 1 und hier können Sie Volume 2 bestellen!