Stilberater

Shakespeare meets Bukowski – was Sie von den Schreibstilen großer Schriftsteller noch lernen können.

Der Monat November steht – im Gegensatz zum Knospenmonat März – ganz im Zeichen des Mannes. Während der Weltfrauentag sich im erblühenden Frühling zuträgt, finden im harschen Herbst gleich zwei Weltmännertage statt. Ein Sinnbild, das den Eigenschaften eines jeden Gender Klischees gerecht wird. In der Denkschule des Einfachen ist die Frau das Gefühl, der Mann der Verstand. Das perspektivisch enge Rollenmodell prägt mehrere Ebenen. Selbst Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind vor einem solchen Schema nicht gefeit.

Wenn es nach dem Genderanalyzer geht , können Sprache und Schreibstil praktisch ohne Fehlerquote nach dem Geschlecht kategorisiert werden. Die Online Software erkennt, ob eine Website von einer Frau oder von einem Mann verfasst wurde. Programmiert nach Parametern, die auf Basis von 1.000 Männer- sowie 1.000 Frauenblogs erstellt wurden, identifiziert das Computerprogramm klassisch weibliche bzw. männliche Sprachfragmente. Laut schwedischer Entwickler liege die Trefferquote bei Laborbedingungen bei stolzen 75 Prozent.

Wiederholungsmuster seien vor allem in der Wortwahl zu erkennen. Während Männer vermehrt den Begriff „Bier“ verwendeten, griffen Frauen öfter auf das Wort „Shopping“ zurück. Darüber hinaus soll die Sprache von Frauen stärker von Gefühl, Fantasie und Umschweifen gefärbt sein. Ein Ansatz, den auch der Genderanalyzer bestätigt.

Eine sexistische Software, möchte man meinen. Doch kann Sprache tatsächlich eindeutig männlich oder weiblich sein? Mehr noch, können Sprachstile so individuell sein, dass man sie selbst in der unüberschaubaren Büchermasse wiedererkennt? Nachdem wir vom novum Verlag die Stilikonen der Frauenwelt hier schon ergründet haben, untersuchen wir die Frage im Monat des Weltmännertages am Schreibstil weltbekannter, männlicher Schriftsteller. Vier herausstechende Charaktere haben wir uns für diese Stilbeschau ausgesucht.

William Shakespeare

Sprachbilder, Gleichnisse und Sonette – William Shakespeare hat der Dichtkunst ein Ideal verordnet. Unfassbar vermögend soll sein Wortschatz gewesen sein. Alleine seine veröffentlichten Werke zählen 17.750 verschiedene Wörter. Dabei griff Shakespeare nicht nur auf vorhandenen Sprachfundus zurück, sondern fügte ihm gleich auch noch seinen eigenen hinzu. Einige englische Begriffe, die heute im Oxford English Dictionary stehen, sollen auf Shakespeare als ihr ursprünglicher Urheber zurückzuführen sein.

John Ronald Reuel Tolkien

Zuerst war der Sprachhistoriker, dann war der Schriftsteller. J. R. R. Tolkien verfügte nicht zuletzt durch sein Philologiestudium über ein unübertreffliches Sprachgefühl. Der Schöpfer von „Der Hobbit“ und von „Der Herr der Ringe“ suchte nach der perfekten Sprache. Nachdem er sie nicht finden konnte, schuf er sie sich selbst. Von den unzähligen Sprachen, die der Lautliebhaber entwickelt hat, ist Elbisch nur die Bekannteste. Daneben existieren noch zahlreiche, weitere Sprachen wie das Valarin, das Orquin oder das Khuzdul der Zwerge. Zusätzlich entwarf er sogar eigenständige Schriften wie die Cirth oder die Tengwar.

Ernest Hemingway

Kurze Sätze, Berichterstattungsschema, Kompaktaussagen – Ernest Hemingway gilt als einer der Begründer des modernen Klassizismus. Mit der praktizierten Sprachreduktion wollte der Literaturnobelpreisträger der Gefahr eines Leserrückgangs entgegenwirken. In seinen weltberühmten Werken, wie zum Beispiel „Der alte Mann und das Meer“, oder „Wem die Stunde schlägt“, nutzte er bewusst die Technik des sogenannten Eisbergmodells:

„Wenn ein Prosaschriftsteller genug davon versteht, worüber er schreibt, so soll er aussparen, was ihm klar ist. Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug schreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als hätte der Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.“

Ernest Hemingway

Charles Bukowski

Vulgäre, voyeuristische Wortentwertung wähnen manche Kritiker in Charles Bukowskis Lebenswerk. Zurecht kann man sagen, dass die Werke des US-amerikanischen Dichters und Schriftstellers polarisierten. Während ein Lager ihn zum Gossenpoet verurteilte, verehrte ihn ein anderes für seine schonungslose, offene Gesellschaftskritik. Bukowskis Poesie hält sich weder an Versform noch an Reime. Dennoch veröffentlichte Bukowski bis zu seinem Tod mehr als vierzig Werke – und gilt bis heute als einer der meist gelesenen Schriftsteller seiner Zeit.

Ob der Genderanalyzer Shakespeare wohl als Mann ausgemacht hätte? Wir bezweifeln es und brechen zum Weltmännertag mit allen Regeln. Denn ob weiblicher oder männlicher Schreibstil, spielt letztlich keine Rolle. Wichtig ist, dass der Stil individuell ist. Und will man in der Masse auffallen, macht man es am besten wie Tolkien und entwirft gleich seine eigene Sprache.

Welche Schriftsteller verehren Sie für ihren Schreibstil? Hinterlassen Sie uns Ihre Tipps in den Kommentaren!

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